Ausstellung zu 100 Jahre Habil von Elise Richter
Wien, Mai 2005
PRESSEINFORMATION
Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Rathaus, Stiege 4, 1. Stock
„Unter den ersten die Erste“
ELISE RICHTER. Pionierin der weiblichen Universitätslehre
Die Wiener Stadt- und Landesbibliothek veranstaltet am Donnerstag, dem 12. Mai 2005, um 18 Uhr, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Romanistik der Universität Wien, im Lesesaal der Wiener Stadt- und Landesbibliothek einen Abend für Elise Richter (1865–1943).
Die Veranstaltung erinnert an das 100. Habilitationsjubiläum von Österreichs erster Universitätsdozentin.
Die Handschriftensammlung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek verfügt über den umfangreichen Teilnachlass von Elise Richter. Ausgewählte Exponate, die sich auf die Habilitation von Elise Richter beziehen, sind im Katalogzimmer des Handschriften-Lesesaals der Wiener Stadt- und Landesbibliothek bis 30. Juni 2005 zu sehen.
Elise Richter war eine der ersten Frauen, die in Österreich ein reguläres Studium absolvierten. Sie wurde 1901 zum Doktor der Philosophie promoviert, erhielt 1907 als erste Frau in Österreich (und Deutschland) die Lehrberechtigung für romanische Philologie und trug ab 1922 den Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors.
Ab 1928 leitete Elise Richter das phonetische Institut der Universität Wien, wo sie den inneren Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen erforschte. Ihre große wissenschaftliche Leistung liegt in der Entdeckung des Einflusses psychologischer Vorgänge auf die Sprache. Richters Publikationen – etwa 300 an der Zahl – decken ein weites Spektrum der romanischen Sprachwissenschaft ab. 1930 verfasste sie ihr wichtigstes wissenschaftliches Werk „Die Entwicklung der Phonologie“.
1938 wurde Elise Richter als Jüdin die Lehrbefugnis entzogen, 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester, der Anglistin und Theaterwissenschaftlerin Helene Richter, von den Nationalsozialisten im Vernichtungslager Theresienstadt ermordet.
Elise Richter als Wegbereiterin der österreichischen Frauenbildung
In einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen, erhielt Elise Richter in ihrer Jugend gemeinsam mit ihrer Schwester Helene Privatunterricht von einer preußischen Erzieherin; ihren Wunsch zu studieren hielten die Eltern zunächst für „unmädchenhaft“, sodass sie sich ihr Wissen durch Selbststudium aneignete.
Im Jahr 1897 legte sie am Akademischen Gymnasium in Wien die Externistenmatura ab, da Mädchen vor 1896 zum Gymnasium nicht zugelassen waren. Nur durch Intervention des Vaters konnte sie im Jahr 1897 an der Universität immatrikulieren und studierte bis 1901 Romanistik, allgemeine Sprachwissenschaft, klassische Philologie und Germanistik.
Richter wurde im Jahr 1901 als dritte Frau in Österreich zum Dr. phil. promoviert, ein erstes Ansuchen auf die Lehrbefugnis am Institut für Romanistik stellte sie 1904, erteilt wurde ihr die Venia Legendi jedoch erst im Jahr 1907. Sie war damit die erste Privatdozentin in Österreich und Deutschland, jedoch ohne Besoldung bis 1927 und ohne Rückhalt im Beamtenschema.
Ort und Zeit ihrer Antrittsvorlesung musste sie aus Angst vor Protesten und Störungen von Seiten der Gegner des Frauenstudiums bis zur letzten Sekunde geheim halten.
Die außerordentliche Professur wurde Elise Richter erst 1921 verliehen, einen bezahlten Lehrauftrag für Sprachwissenschaft und Phonetik erhielt sie 1927.
1922 gründete sie den „Verband der akademischen Frauen Österreichs“ und trat für die Gründung einer Frauenpartei ein.
Im Jahr 1935 ehrte man Richter zu ihrem 70. Geburtstag zwar offiziell und die Verleihung einer ordentlichen Professur wurde angedacht, jedoch nie realisiert. Bis heute blieb Elise Richter ein Platz im Arkadenhof der Universität Wien unter ihren Kollegen verwehrt. Eine späte Auszeichnung wurde der Pionierin weiblicher Universitätslehre zuteil, als die Universität Wien im Jahr 2003 den Sitzungssaal der juristischen Fakultät in „Elise-Richter-Hörsaal“ umbenannte.
Elise Richters Nachlass in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek
Der umfangreiche Teilnachlass von Elise und Helene Richter, der sich in der Handschriftensammlung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek befindet, beinhaltet neben Elise Richters Tagebüchern aus den Jahren 1881 bis 1941 mehr als 1300 Briefe – eine Vielzahl davon an Kolleginnen und Nachfolgerinnen wie Christine Touaillon, Charlotte Bühler oder Christine Rohr. Der Teilnachlass umfasst zahlreiche Lebensdokumente, die über die Schwierigkeiten des Frauenstudiums im ausgehenden 19. Jahrhundert berichten. Darunter befindet sich etwa Richters Maturitäts-Zeugnis aus dem Jahr 1897, das zwar ihre Reifeprüfung bestätigt, aber nicht die Zulassung zum Universitätsstudium ermöglicht. Rigorosenprogramme, Promotionsurkunden sowie Stücke zum von Richter mitbegründeten „Verband der Akademikerinnen“ dokumentieren Richters Universitätsausbildung und Aktivitäten im Wissenschaftsbetrieb. Elise Richters Autobiografie „Summe des Lebens“ sowie private Fotografien geben Einblick in das Schaffen der Pionierin der weiblichen Universitätslehre.
Die Exponate in der Vitrinenschau, die bis 30. Juni 2005 im Katalogzimmer des Handschriften-Lesesaals zu sehen ist, beziehen sich auf die Habilitation von Elise Richter. Sie vermitteln in Ansätzen, dass die Ernennung einer Frau, trotz den erbrachten notwendigen akademischen Leistungen im Wien des angehenden 20. Jahrhunderts, keine Selbstverständlichkeit war.

Im Gedankenjahr der Zweiten Republik spielen mehrere Daten eine wichtige Rolle. 1945 – das Ende des Zweiten Weltkriegs, 1955 – Österreich ist frei, 1995 Österreich tritt der EU bei. Diese „runden Geburtstage“ haben zweifelsohne eine gewisse Anziehungskraft – ja, man/frau könnte sie sogar als „unwiderstehlich“ bezeichnen. Um sie herum wurde heuer ein wahres Feuerwerk an Events konzipiert. Von reinen Events und „Adabei“geschichten, über Kunstprojekte im öffentlichen Raum, die zum Nachdenken anregen sollen, bis hin zur kritischen Mahnung nicht in eine „Jubilitis“ zu verfallen (Christian Ehalt bei der Einleitung zu den „Wiener Vorlesungen“). Solche runden Geburtstage oder Jubiläen haben vielleicht auch etwas mit einem im kollektiven Gedächtnis sedimentierten und gut verschütteten Glauben an die Magie der Zahlen zu tun. Schließlich beschäftigt sich ein ganzer Zweig der Esoterik – die Nummerologie – ausschließlich damit die Schwingungen von Zahlen zu erkennen und daraus gewisse Charaktereigenschaften zu erkennen. Aber auch in der Wissenschaft und der Philosophie haben „Zahlenspiele“ eine gewisse Tradition. Pythagoras und seine Schüler suchten nach „einem unkörperlichen Prinzip, das alle Dinge erklären könne“. Sie sahen es in den Zahlen, die zugleich „sinnliche Bestimmungen und abstrakte Denkbestimmungen“ sind. Die Zahlenmystik des Pythagores wurde, so das Lexikon der Symbole, in der frühchristlichen Symbolik weitergeführt. Die Dreifaltigkeit, die 7 Todsünden, die 7 Sakramente, die 12 Apostel uvm. Aus der Kabbala kennen wir ebenfalls die Zahlensymbolik: Diese „jüdische Geheimlehre aus dem 9. bis 12. Jahrhundert“ (Störig) sähe beispielsweise in der 5 ein zentrales Moment. Sie verweise auf den Menschen und die Religion. In der Kabbala werden den Buchstaben Zahlenwerte zugewiesen und somit die Verbindungen von Wörtern untereinander zu erkennen. Dem hebräischen Buchstaben He kommt so die Zahl 5 zu. 5 sei die Zahl des Lebendigen (Endres/Schimmel, 1995; 120). Schon Schiller schreibt in Piccolomini (II,1): „Fünf ist / Des Menschen Seele. / Wie der Mensch aus Gutem / und Bösen gemischt, so ist Fünf / Die erste Zahl aus Grad’ und Ungerade.“ Weitere Interpretierungsversuche sind nicht uninteressant. In der Tat ist, wie Schiller schreibt, die aus einer Geraden und einer Ungeraden (2 + 3) zusammengesetzt, ohne selbst dabei teilbar zu sein. Sie sei auch so Endres und Schimmel weiter eine Zusammensetzung aus der weiblichen 2 und der männlichen 3. C. G. Jung sieht die 5 wieder als die Zahl des natürlichen Menschen. Die Fünf ist eine bedeutende Zahl, wenn auch nicht mit der gleichem Mystik behaftet, wie etwa die Sieben. Die Fünf ist auch in der Natur eines der beliebteren Ordnungspinzipien. 5 Blütenblätter sind keine Seltenheit, 5 Finger und 5 Zehen beim Menschen auch nicht. Weitere Assoziationen zur 5: Das Pentagramm mit all seiner mythischen Bedeutung. Dies nur als Stichworte: Es gibt sicherlich noch einiges zur Symbolik der 5 zu sagen.